Blaue Jungs

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Blaue Jungs

Nichts klingt so nach Seebären, nach dem Norden, nach weitem Himmel und matrosigem Fernweh wie der Shanty. Echte Mannsbilder und erstklassige Botschafter des meerwasserschwangeren Gesangs sind die stimmgewaltigen Mitglieder des Sylter Shanty-Chors.

 

Promenade Westerland. Sonne über Sylt. Ein gutes Dutzend Möwen sitzt völlig unbeeindruckt auf dem Dach der Musikmuschel, ab und an lugt eine über die Kante und schielt auf die Männer und Musiker, die langsam die hölzerne und traditionsreiche Bühne am Westerländer Hauptstrand füllen. Ein Zuschauer hat einen eindeutigen weißen Klacks auf dem Rücken. Egal. Macht nichts. Soll doch angeblich Glück und Geld bringen?! Showtime. Gute Laune. Vorfreude.

Um 18.10 Uhr ist ein gutes Drittel der Plätze auf der steinernen Galerie bereits besetzt. Instrumenten-Koffer werden zurechtgerückt, Stühlchen für die vier Begleitmusiker aufgeklappt. Schifferklaviere lehnen an Notenständern, nebenbei läuft die Shanty-Chor-Talkshow: Freunde, Familie, Nachbarn begrüßen, aber auch supertreue Hardcore-Fans (»Da drüben seh' ich Castrop- Rauxel, da oben die Schweiz«), man kennt sich, man freut sich aufeinander. In der ersten Reihe harren eisern und mit dem Willen zur bedingungslosen Platzverteidigung aus: die Hardcore-Fans, die Groupies, seit 17 Uhr, und die Familie. Merke: Gutes Sehen und direkter Draht zu den Sängern = Schatten bei den Abendkonzerten. Echte Kenner sitzen ab circa Reihe drei aufwärts, da gibts zuverlässig bis Konzertende (im Juni) Abendsonne, mit fortschreitender Jahreszeit rückt man einfach einen Absatz höher.

 

Blaue Fischerkittel, weiße Rollis, weiße Hosen, die Standard-Seemannspose des Shanty- Sängers geht so: Daumen in die Tasche einklinken, Restfinger lässig gespreizt auffächern, ein bisschen wie beim Elfmeter, nur eben nach außen, nicht zentral ausgerichtet, die Knie etwas breiter (das vergrößert wohl den Reaktionsspielraum für Balanceakte bei Seegang), der Blick gen Horizont, gern ein wenig erhöht, sieht super aus. Vor dem Auftritt um 19 Uhr putzt die Gattin hier noch mal schnell einen Fleck vom Kragen, jemand vom gastgebenden »Insel Sylt Tourismus-Sevice« schleppt die Stepper aus dem Sportstudio im Syltness-Center heran als Erhöhung für die letzte Sänger-Reihe, für das schön geschlossene, aufsteigende Gesamtbild. Auftritt Shanty-Chor Sylt. »Sonne über Syhyhylt«, sowas wie die Hymne für die Fans und eine Komposition extra für diesen Chor, ertönt bereits als zweiter Song, das Publikum heizt sich langsam auf und schunkelt sich engagiert in Stimmung.

Nur einmal ist ein Auftritt ausgefallen, 2015, da hat es so geschüttet und gestürmt, dass man schon nachmittags absagen musste, leider. Ansonsten treten die Shantys, wie sie insular schlicht und verknappt heißen, eigentlich bei jedem Wetter in der Musikmuschel auf, außer, »es haut uns der Sturm aus der Kiste raus«, so grinst einer. Legendäre Auftritte gab es da schon, wo die enthusiastischen Zuschauer (»Unsere sind ja nicht aus Zucker«) sich schutzsuchend vor der Muschel zusammenscharten und nur eine einzige auf der Tribüne verblieb mit einem knallroten Schirm. Oder jener triefnasse Sommerabend, an dem sich die Fans in Mülltüten und Plastikjacken hüllten, Hunderte von Schirmen aufspannten. »Es gibt keine schlechte Kleidung«, sagt einer der Sänger. Bis zu zweitausend oder gar dreitausend Zuschauer sinds nicht selten, wenn oben auf der oberen Promenade die Galerie komplett voll ist, dichtes Gedränge herrscht und der Westwind die Gesänge bis nach Alt-Westerland hineinträgt.

Zwei Drittel der Shantys haben tatsächlich einen Bart. Das steht dem Einzelnen, der Seemannsromatik und der Szenerie sowieso. Über 30 von 47 aktiven Sängern sind es mindestens bei den Auftritten, vier Akkordeons, eines davon spielt die einzige Frau, zwei Mundharmonikas und eine Gitarre begleiten. »Früher waren es hölzerne Schiffe und eiserne Männer, heute sinds eiserne Schiffe und...«, der Chorleiter, heute vertritt Sigi Braun das Shanty-Urgestein und den musikalischen Leiter Horst Henningsen, hat sein Publikum fest im Griff. Allgemeines Gejohle. Der Wind kommt von Nord, die Promenade trägt eine Gosch Knoblauchfahne und damit ist die zweite Regel für Auftritte des Chores dran: Vorher sollte man zwingend essen, nicht zuletzt, weil es sein kann, dass die Shantys sich in eine Art ansteckenden Rausch hineinsingen, großartig-endlose Zugaben geben und tatsächlich volle 130 Minuten durchmachen.

Das sind Ausnahmeabende, auch wenn nicht wirklich so rar, wie sie sein sollten, für Publikum wie Sänger. »Sowas, auch die Euphorie, steckt man dann ja nicht so leicht weg, die meisten sind nicht mehr die Allerjüngsten«, sagt Pressesprecher Kai Witt und auf die Frage nach dem Nachwuchs kann er sich ein selbstironisches und etwas melancholisches Lachen nicht verkneifen. »Obs Nachwuchs gibt? Ja. Mich«, sagt der Anfangsvierziger und damit sind wir leider bei einem generellen Chor-Problem, unter dem nicht nur die Sylter leiden: Die Menschen singen immer weniger. »Die meisten denken, ich kann sowieso nicht singen«, erklärt Kai mit Bedauern und einer Sorgenfalte auf der Stirn, wen auch immer er anspricht, der winkt ab. Schon seit 16 Jahren ist er dabei, genauso lange wie sein Vater, er rührt die Werbetrommel, wo er kann, versucht es immer wieder mit der Akquise. Er selber stieß zum Team über die Tatsache, dass »Feuerwehr und Gastrojob« sich nicht vertragen, rein zeitlich, und da musste was anderes her für die Gemeinschaft, nämlich das Singen. Der älteste Sänger ist heute 86, Kurt Matthiesen, das Publikum beflügelt die Herren immer wieder neu und so singt sich mancher auch über seine Grenzen hinaus. »Nach so einem Auftritt ist man dann am Ende doch total fertig«, sorgt sich Kai. Anfangs war es nur eine Handvoll Männer, die sich im Herbst 1977 traf, um zusammen zu singen. Mittlerweile sind sie längst Profis: Auftritte auf dem Festland, auf Festivals, der Sylter Shanty-Chor ist eine anerkannte Größe in der Szene. Sie besuchen befreundete Chöre oder treten beim Geburtstag eines fördernden Mitglieds auf, Gruß an Elke nach Frankfurt an dieser Stelle bitte, jawoll. Wegfahren tun sie jedes Jahr, ein Jahr mit den Frauen, ein Jahr ohne, nur die Jungs, mal gehts in den Harz, mal an die Ostsee, immer wird dabei natürlich auch gesungen. In der alten Realschule von Westerland, ganz oben unterm Dach (damits keinen stört, wenn sie stimmgewaltig trainieren) haben sie sich eingerichtet, viel Eigenleistung investiert, sogar die Decke abgerundet für eine stimmige und bessere Akustik.

Ein Kind saust mit dem Roller durch den Gesang, ein Airdale-Terrier pennt in der ersten Reihe, ein Münsterländer lauscht verzückt auf der Galerie, viele singen mit, manche Reihen schunkeln sich in die Begeisterung hinein. »Wie lange so ein Konzert dauert«, sagt Kai Witt, »liegt natürlich nicht nur am Programm, sondern auch ganz entscheidend daran, wie das Publikum mitgeht und sich anheizen lässt.« Denn der Auftritt der Shantys ist viel mehr als nur das Heruntersingen von alten Weisen. Es wird gescherzt und begrüßt (»Wer ist aus der Schweiz?«, »Hallo, Münster, da seid ihr ja wieder«) und nicht wenige Fans richten ihren Urlaub angeblich Jahr für Jahr nach den Auftrittsterminen der Sänger aus. Die allermeisten sind erstaunlich textsicher, auch und vor allem bei den Eigenkompositionen.

Die Disziplin dagegen ist ein Thema für sich. Wer sich im Publikum mit dem Banknachbarn während des Konzerts unterhält, erntet böse Blicke oder Gezischel von Zuhörern. Aber auch im Chor »brauchts eine feste Hand«, sagt Kai Witt, und zwar die von Chorleiter Horst Henningsen, »sonst wird bei uns zu viel gequatscht beim Auftritt«, während nicht nur »der salzige Seewind« ein vielstimmiges Lied singt. »Rot steht das Kliff vor der See«, aber leider auch das Mikrofon zu hoch, »das habt ihr doch mit Absicht gemacht«, blödelt der Solist, der danach greifen will, und ein großer Lacher ist dem Mann sicher. Wie überhaupt auffällt, dass die Auftritte des Shanty-Chors so wohltuend anders sind, als bei sonstigen Rampensäuen: nämlich tiefenentspannt, sehr lässig und bar jeglichen Lampenfiebers. Tonstörung? Egal, fangen wir nochmal von vorne an, ein Lächeln und los gehts. »Reise, reise nach alter Seemannsweise» singen sie und der Zuschauer fragt sich – wie viele von denen fahren denn nun noch echt zur See oder tatens zumindest mal? Zwei, sagt Kai, einer davon ist wieder er, weil er bei der Marine war, der andere bucht – das ist echte Shanty-Leidenschaft – jedes Jahr sechs Wochen Container-Transfer als Urlaubsreise. Immer wieder wechseln sich Solisten ab, jeder hat seinen eigenen Charme und sein eigenes Thema, Uwe Käsler ist der Mann fürs ganz große Gefühl, und wenn »Junge, komm bald wieder« angestimmt wird, wirds ganz still und gerührt auf den Rängen, jeder kennt doch das mit dem Vermissen. Die Sehnsucht auf dem großen Ozeaaaahn reimt sich natürlich mit der Reeperbaaaahn, der Unterschied zwischen den Kapern und dem Kapern wird launig im Dialog mit dem Publikum erarbeitet, und wenn alle gemeinsam das Ahoi-Echo anstimmen, dann schwillt der Chor schnell auf über 1000 Sänger an. Das klingt einfach toll, hier direkt am Meer.

Manchmal schreiben die Shanty-Chor-Mitglieder eigene Texte oder hängen Gassenhauern Strophen mit Syltbezug an. Immer treten sie in den Sommermonaten auf und erarbeiten sich im Winter mit regelmäßigen Proben am Donnerstag ihr neues Programm. 16 Tonträger haben sie schon aufgenommen, die gibts bei den Konzerten natürlich auch zu kaufen, viele Monate Proben für die neue CD liegen grade hinter ihnen, »Die Windjammer kommen« wird sie heißen, und ob unser Fotograf nicht schnell ein schönes Gruppenfoto fürs Cover machen kann, das fehlt noch?!

Die Sänger des Sylter Shanty-Chores sind handfest. Und sie haben Humor. Dirk Udo baut »aus allem, was nicht niet- und nagelfest ist, aus dem unmöglichsten Zeugs« ein Instrument. Heute spielt er die Strandivari, eine Gitarre aus Treibholz, zu Weihnachten zückt und zupft er einen selbstgebauten Tannenbaum. Ohne Kontext steht sie niemals da, die Liebe zum Meer dieser Männer. Bei Konzerten sammelten sie jüngst über 5000 Euro für die Seemannsmission. Im kommenden Jahr feiern sie übrigens ihr 40-jähriges Bestehen. Auch dann wird es wieder drei bis fünf neue Titel im Saisonprogramm geben, jeder Shanty-Sänger geht mit offenen Ohren durch die Welt und ist gehalten, Vorschläge zu sammeln. Dabei will das Publikum vor allem ständig und immer wieder vor allem eins: »Sonne über Syhyhylt...«

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